Dass MySQL ein Open-Source-Produkt ist, sichert seine Zukunft nicht von alleine.
Oracle behauptet, dass es nicht darauf ankomme, wer MySQL besitzt, da es ja Open Source sei und es somit jeder kostenlos verwenden und weiterentwickeln könne. Das sagt Oracle nur, um das Problem zu verleugnen. Wenn Oracle wirklich daran glauben würde, würde es nicht den ganzen Kauf von Sun riskieren, nur um MySQL zu erwerben, und außerdem hätte Sun dann von vornherein nicht eine Millarde Dollar für MySQL bezahlt. Dann würde jeder ein "fork" (eine abgeänderte, eigene Version von MySQL auf Open-Source-Basis) starten. Oracle verwendet bereits Open-Source-Software wie Linux und Apache. Wenn der Besitz der geistigen Eigentumsrechte nicht zählen soll, warum will Oracle dann MySQL kaufen und nicht einfach "forken"?
Es gibt einige führende Köpfe der Community, Open-Source-Advokaten und auch Leute, die es einfach allgemein gut meinen. Diese behaupten, MySQL sei aufgrund seiner Open-Source-Eigenschaft unter jeglichem Besitzer sicher. Manche sagen dies aus Überzeugung. Andere stehen Oracle und Sun nahe. Die meisten dieser Leute haben sich einfach nicht MySQL's Erfolgsformel genau genug angesehen: die Formel, die es weit erfolgreicher macht als jede andere Open-Source-Datenbank.
MySQL's Datenbankserver ist seit jeher ein Produkt gewesen, das eine einzelne Firma entwickelt und pflegt, im Gegensatz zu einem Community-Projekt, das auf freiwillige Beitragsleister oder oder auf verschiedene Hersteller (Beispiel Linux) zählt. Jedes Mal, wenn jemand eine bedeutende Erweiterung entwickelt hat, hat die Firma hinter MySQL sichergestellt (durch eine schriftliche Rechteübertragung), dass sie solche Erweiterungen nicht nur unter der GPL, sondern auch unter jeder anderen Lizenz nutzen konnte.
Dieser Ansatz machte es MySQL möglich, sein überaus erfolgreiches Geschäftsmodell der dualen Lizenz umzusetzen. Diejenigen, die MySQL's Programmcode in andere GPL-basierte Projekte einbauen wollten, hatten die betreffende Freiheit ("wenn Sie 'open source' sind, sind auch wir 'open source'"). Wer hingegen MySQL in Closed-Source-Produkte einbauen oder mit Closed-Source-Erweiterungen versehen wollte, hätte unter den Bedingungen der GPL sein ganzes neues Werk unter GPL-Bedingungen verfügbar machen müssen (was viele geschäftlichen Möglichkeiten praktisch ausgeschlossen hätte). Solche Anbieter konnten aber optional eine kommerzielle Lizenz (identische Software, aber unterschiedlich definierte Rechte und Pflichten) erwerben. In diesem Fall bezog MySQL bzw. Sun diese Position: "Wenn Sie kommerziell sind und Geld damit verdienen wollen, dann sind auch wir kommerziell und wollen daran mitverdienen."
Nicht nur das duale Lizenzmodell hing von diesem Prinzip ab, sondern auch das schnell wachsende Geschäft mit Abonnements für "MySQL Enterprise". Dieses Abo bezog sich auf drei Arten von Komponenten: MySQL selbst (so, wie es ohnehin zu GPL-Bedingungen auch verfügbar ist), Serviceleistungen (die man auch einzeln erwerben könnte, sogar von Drittanbietern) und bestimmte Tools. Die interessantesten dieser Tools, darunter der Monitor und der Query Analyzer, wurden unter einer propietären Basis (also nicht unter der GPL) verfügbar gemacht, obwohl sie so eng mit MySQL selbst verworben sind, dass jede dritte Partei, die solche Tools vertreiben wollte, ebenfalls an die GPL gebunden wäre. Ohne diese Tools als wesentlichen Differenzierungsfaktor (alles, was einen Mehrpreis hat, braucht auch ein Mehrangebot) gäbe es immer noch eine Chance, Abonnements zu vermarkten, aber man würde viel weniger damit verdienen.
MySQL AB und später Sun haben zudem ihre Eigentumsrechte an Marke und Urheberrechten eingesetzt, um MySQL's Verbreitung zu steuern und seine Beliebtheit zu maximieren. Es gibt weltweit einheitliche Maßstäbe für die offizielle MySQL-Zertifizierung, so dass professionelle Datenbankentwickler und -administratoren ihr Wissen in einer Weise dokumentieren können, die jeder Auftrag- oder Arbeitgeber versteht. Es gibt autorisierte MySQL-Partner rund um den Globus, die Support, Consulting und andere Dienstleistungen anbieten. Es gibt offizielle MySQL-Bücher. Es gibt etwas sehr Wichtiges, dass sich "FOSS exception" nennt und dazu dient, MySQL's Integration in nicht auf der GPL basierende Open-Source-Software zu ermöglichen. Dies ist ein wichtiger Erfolgsfaktor dafür, dass MySQL mit verschiedenen Betriebssystemen bzw. Distributionen, Programmiersprachen und Tools gebündelt werden kann.
Dies alles soll keineswegs die Bedeutung der aktiven MySQL-Community schmälern. Viele Millionen User haben das Produkt bekannt gemacht, haben durch ihren Einsatz von MySQL zur Qualitätssicherung beigetragen, haben Software in Verbindung mit MySQL entwickelt -- aber was den Kern von MySQL und die Entwicklung mächtiger Storage Engines angeht, ist empirisch erwiesen, dass es dafür richtige Geschäftsbetriebe erfordert, die nennenswerte Einkünfte erzielen können müssen, um ihre Funktion zu erfüllen.
Wir sind oft gefragt worden, warum MySQL nicht einfach so wie Linux auf einer reinen GPL-Basis Erfolg haben könnte. Dafür gibt es viele Gründe. Fangen wir damit an, dass Anwendungen, die auf MySQL basieren, auch unter der GPL verfügbar gemacht werden müssen (sofern der Rechteinhaber keine kommerzielle Lizenz gewährt). Das ist bei Linux nicht der Fall, da seine Lizenzvereinbarung zusammen mit einer Ausnahmeregelung (offiziell "Klarstellung" genannt) verbunden ist, die es zulässt, dass jegliche Anwendung auf Linux aufsetzen kann, ohne davon betroffen zu sein, dass der Linuxkern eine GPL-Komponente ist. Wenn also jemand MySQL in ein Navigationssystem einbauen möchte, gelten dafür die Regeln der GPL, aber bei Linux gäbe es im Regelfall kein Problem. Abgesehen von diesem grundlegenden Unterschied in den Lizenzbedingungen hat MySQL nie (und wird wahrscheinlich auch nie) die Unterstützung einer Firma wie IBM (die ihr eigenes Datenbankgeschäft schützen will) erhalten.
Es ist immer wieder die Rede von einem "fork", also einer unabhängigen, aber von MySQL abgeleiteten Softwareentwicklung. Die GPL würde es zwar zulassen, aber nicht den Rahmen darstellen, unter dem dies erfolgreich gelingen könnte. Zunächst müsste der "fork" ohne den berühmten Namen MySQL starten, aber er wäre auch nicht für alles verwendbar, zum Beispiel gäbe es grundlegende Probleme in Verbindung mit Closed-Source-Anwendungen, Plugins oder Storage Engines (dies aller gehört aber zum MySQL-"Ecosystem").
Richard Stallman (RMS), der Vater der GPL und Gründer der Freie-Software-Bewegung, weist darauf hin, dass MySQL (das ein großes Infrastrukturprodukt ist) nicht einfach auf GPL-basierte Community-Beiträge setzen kann, um Erfolg zu erzielen.
Unsere Petition ist flexibel. Jeder Unterstützer kann einen, zwei oder alle drei möglichen Lösungswege als "akzeptabel" markieren. Die GPL ist eine großartige Lizenz, solange MySQL sich in den Händen eines konstruktiven Besitzers befindet. Die GPL gibt maximale Kontrolle, und mit einem guten Besitzer ist dies auch wünschenswert, muss aber bei einem schlechten Besitzer vermieden werden. Also ist eine Weiterveräußerung (spin-off) an einen solchen guten Käufer die erste Option und dann könnte MySQL -- ja dann sollte es sogar -- weiterhin unter der GPL verfügbar bleiben (vielleicht GPLv3 statt GPLv2, aber jedenfalls GPL), damit der gute Besitzer die Möglichkeit hat, das Projekt in die richtigen Bahnen zu lenken.
Es wäre auch möglich, MySQL für sich gesehen unter der GPL zu belassen, aber eine "linking exception" zu Gunsten von Anwendungen, Plug-ins und Embedding (der Bibliothek libmysqld) einzuräumen. Und ein Wechsel zu einer "liberalen" Lizenz wie der Apache Software License 2.0 würde lizenzbezogene Flexibilität bieten, so dass jemand ein neues GPL-basiertes Projekt damit starten oder das Produkt unter der Apache- oder einer anderen Lizenz entwickeln könnte, bis hin zur Integration des Programmcode in proprietäre Produkte.
Eine Liberalisierung der Lizenzbedingungen würde bedeuten, dass Oracle als neuer Besitzer von MySQL nicht in der Lage wäre, diverse MySQL-Kunden und -Partner mit einem an sich zu knebeln. Falls Oracle die Weiterentwicklung von MySQL nicht auf eine wirklich gute Weise vorantreiben würde (was nicht nur eine Frage davon ist, wieviel Geld investiert wird, sondern wofür im Einzelnen), würde es die Kontrolle verlieren, denn dann hätten andere nicht nur eine rechtliche Möglichkeit, sondern eine reelle Chance, sich um die MySQL-Kunden in ihrer Vielfalt und um die weitere Produktentwicklung zu kümmern. Für ein paar Jahre würde dem Markt sicherlich das MySQL, wie wir es bislang kennen, fehlen. Vorübergehend würde Oracle seinen härtesten Wettbewerber loswerden. Aber nach einiger Zeit könnte es in alter Stärke zurückkehren, vielleicht sogar nach mehreren Jahren stärker als je zuvor werden.
In jedem Fall kann nichts als Lösung angesehen werden, was dazu führt, dass MySQL's Zukunft eine Frage von Oracle's guten Absichten ist. Versprechungen der Sorte "Vertrauen Sie uns" helfen in keinster Weise. Jedes Kind kann diese Tatsache aus Märchen lernen. Regulierern sollte etwas Besseres einfallen.